Orthodox-katholischer Dialog über Anthropologie

Im Oktober 2003 war das Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik erstmals an einer orthodox-katholischen Konferenz über das Verständnis der christlichen Anthropologie beteiligt, die von der Wiener Stiftung PRO ORIENTE und der Russländischen Orthodoxen Universität zum hl. Johannes dem Theologen (einer nichtstaatlichen, der Orthodoxen Kirche nahestehenden Hochschule mit zehn Fakultäten) veranstaltet wurde. Im Jahr 2002 hatte PRO ORIENTE mit einer Tagung in Wien diese neue Gesprächsreihe mit Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche eröffnet.

Die diesjährige Tagung, die von den beiden Initiatoren erstmals in Kooperation mit dem Johann-Adam-Möhler-Institut durchgeführt wurde, fand vom 23. bis 26. Oktober 2003 in Moskau statt und widmete sich dem Schwerpunktthema „Das Leben des Menschen im Angesicht des Todes“. Je acht Vertreter von orthodoxer und katholischer Seite beleuchteten die Thematik aus patristischer, philosophischer, theologischer und ethischer Sicht. Auf russischer Seite waren Dozenten der Russländischen Orthodoxen Universität sowie des Moskauer Geistlichen Seminars und der Moskauer Geistlichen Akademie an der Konferenz beteiligt. Die Vorträge aus römisch-katholischer Sicht hielten Professoren der Universitäten Wien und Graz sowie Dr. Johannes Oeldemann vom Johann-Adam-Möhler-Institut in Paderborn.

Wie Archimandrit Ioann Ekonomzev, Rektor der gastgebenden Universität und zugleich Leiter des Synodalabteilung für Religiöse Bildung und Katechese des Moskauer Patriarchats, bei der Eröffnung der Konferenz betonte, sind die christlichen Vorstellungen von Leben und Tod durch die Säkularisierung und die damit verbundene Verdiesseitigung des Lebens sowie durch einen auf die Fortschritte der Naturwissenschaften bauenden Machbarkeitswahn in Ost und West gleichermaßen herausgefordert. Er betonte daher die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen Orthodoxen und Katholiken, um den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen. Das Moskauer Symposion verdeutlichte, dass beide Traditionen um die Zweideutigkeit des menschlichen Todes wissen und daher differenziert mit diesem Phänomen umgehen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Ost und West waren sich einig, dass nicht die Verdrängung des Todes, sondern nur die bewusste Auseinandersetzung mit diesem Faktum menschlicher Existenz zu einer gelassenen, ehrlichen und lernfähigen Lebensführung hilft.

Am Schluss der Konferenz empfahlen alle Beteiligten den verantwortlichen Gremien eine Fortsetzung der Gesprächsreihe zur christlichen Anthropologie – nicht nur weil die Anthropologie eine der grundlegendsten Fragen im ökumenischen Dialog darstellt, sondern auch weil der hier praktizierte Dialog zwischen orthodoxen und katholischen Theologen eine wichtige vertrauensbildende Maßnahme angesichts der nach wie vor bestehenden Spannungen zwischen dem Vatikan und dem Moskauer Patriarchat darstellt.